AS
TIME GOES B.A.C.H.
Improvisation
war schon immer eine der inspirierendsten Quellen für musikalische
Schöpfungen. Von Johann Sebastian Bach sagt man, daß er die
Toccaten und Fugen, die Präludien und Fantasien, welche er sonntags
zum Gottesdienst improvisierte, während des Mittagessens aufschrieb.
Das Verb Präludieren" zeugt noch von dieser verloren gegangen
Fähigkeit aus dem Stehgreif" zu musizieren. Heute ist
Improvisation im allgemeinen Musikbetrieb kaum noch anzutreffen, was nicht
zuletzt daran liegt, dass die klassische Harmonielehre, welche Bestandteil
des Musikstudiums ist, nicht auf einen freien" Umgang mit Tonleitern
und Akkorden abzielt. Jedoch ist Improvisation nicht gänzlich aus
der Musikwelt verschwunden: Wenn auch fast alle zeitgenössischen
Stilrichtungen, in denen Improvisation eine wesentliche Rolle spielt überheblich
in die Kategorie U-Musik, also Unterhaltungs-Musik, eingeordnet werden,
so muß doch anerkannt werden, daß die vitalsten zeitgenössischen
Strömungen sich der Improvisation, entweder als Bestandteil der Aufführung,
oder als Hilfsmittel zu ihrer Herstellung bedienen. So ist der aus der
Fusion von abendländischer Tradition und afro-amerikanischer Rhythmik
entstandene Zweig der zeitgenössischen Musik, der Jazz, ein leibhaftiges
Beispiel für musikalische Vielfalt und Vitalität. Parallelen
zwischen der Improvisations-Praxis des Barock und der Neuzeit lassen sich
schon in der Art der Notierung der Improvisations-Vorlagen ausmachen:
Während die Rhythmus-Gruppe" des Barock (Basso-Continuo)
den Generalbass als verbreitete Schreibweise für die Festlegung harmonischer
Formen vorfand, so improvisieren Jazz-Musiker heute auf der Grundlage
von Harmoniesymbolen, welches an die barocke Tradition anknüpft.
Einer der Grundgedanken des Projektes AS TIME GOES B.A.C.H. ist die Gegenüberstellung
zeitgenössischer Improvisation und Bachscher Musik. Deshalb wurde
bewußt darauf verzichtet, den Text der barocken Kompositionen im
Wesentlichen zu ändern. Vielmehr werden die Kompositionen so wiedergegeben
wie Bach sie schrieb. So dient die Hinzunahme von Schlagzeug und Kontrabass
der Verdeutlichung des, dem Original innewohnenden Groove und Swing, wenngleich
beide Instrumente im Kontext der Improvisationen auch solistisch fungieren.
Die Grundgerüste der Improvisationen sind wie in der Bearbeitung
des Orgelchorals Ich ruf zu Dir Herr Jesu Christ" zum Teil
der harmonischen Abfolge des musikalischen Originaltextes entlehnt. Intensivere
Brüche entstehen durch die Implementierung völlig neuer Harmoniegerüste,
wie in den Bearbeitungen der Präludien d- und g-moll. In beiden Fällen
ist die Tonfolge b-a-c-h ein wesentlicher Bestandteil dieser Struktur.
Die analoge Verwendung dieser Tonfolge (z.B. c-h-d-cis) zieht sich wie
ein roter Faden durch die vorliegenden Bearbeitungen und findet sich -
verpackt als Morsecode - in der Rhythmik des Vorspiels zum langsamen Satz
(Air) aus der Orchestersuite D-Dur wieder. Letztlich darf diese Tonfolge
auch als Erklärung für die Anwesenheit des von Jimi Hendrix
zur Berühmtheit verholfenen Songs Hey Joe" herhalten,
dessen Mittelteil ebenfalls ein b-a-c-h-Motiv (in diesem Fall as-g-b-a)
enthält.
Johannes
Schenk
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