Fanny und Felix Mendelssohn
Gedanken über eine Geschwisterliebe
Am 14. Mai 1847 stirbt in Berlin die deutsche Komponistin
Fanny Hensel an einem Gehirnschlag. Nur wenige Monate
später, am 3. November erleidet ihr jüngerer Bruder Felix
Mendelssohn-Bartholdy durch die gleiche Krankheit den
Tod. Während Felix schon zu seinen Lebzeiten außerordent-
lichen Ruhm erlangt, und heute seine Lebensgeschichte und
seine Werke jedem Musikfreund vertraut sind, sind Leben
und Werk von Fanny Mendelssohn noch weithin unbekannt
geblieben. 
Als ich 1984 Fanny Mendelssohns "Oratorium nach Bildern
der Bibel"  in Köln zur Uraufführung brachte, waren die ersten
Kirchenbänke mit Verwandten der Komponistin besetzt, die
von überall angereist waren, um ihre Musik zu hören, die ihnen
bis dahin völlig unbekannt gewesen war.
Seit nun circa zwanzig Jahren stellen Musikerinnen Fanny
Mendelssohns Werke in Konzerten vor und es erscheinen
zunehmend Bücher über ihr Leben (hier sei die Biographie
von Antje Olivier empfohlen (Droste Verlag), und in LP- und
CD-Einspielungen werden ihre Werke verbreitet.
Im regulären Konzertbetrieb herrscht eine erschreckende Ig-
noranz dieser Komponistin gegenüber, renommierte Interpre-
ten und Orchester haben sie nicht in ihrem Repertoire.

Hat man Sorge, daß Fannys Musik zu wenig Qualität besäße?
Wer hier seinen eigenen Ohren und Augen (viele ihrer Kompo-
sitionen sind heute gedruckt) nicht trauen mag, sollte zumindest
denen des großen Komponisten Felix Mendelssohn vertrauen,
der am 3.6. 1829 an Fanny über ihre Lieder schreibt:
"Ich denke es ist die schönste Musik, die jetzt ein Mensch auf
der Erde machen kann....Das ist die innere, innerste Seele von
der Musik; was das für Einfälle sind!....Solche Musik habe ich
nie gehört!; auch werde ich in meinem Leben nichts Ähnliches
machen; das tut aber nichts, wenn's nur in der Welt ist; einer-
ley, wer es ausgesprochen hat."
Ob Felix diese großzügige Meinung auch vertreten hätte, wenn
es sich um die Signierung seiner eigenen Lieder gehandelt hät-
te? Sicher nicht. Am 25.8.1829 schreibt er ihr nochmals dazu:
"Diese Lieder aber sind schöner, als gesagt werden kann. Ich
spreche bei Gott als kalter Beurteiler. O Jesus! Bessres kenne
ich nicht." 
Es ist mehr als verwunderlich, daß die vielen Mendelssohn-
Biographen der Vergangenheit, die diese Briefe selbstver-
ständlich kannten, nie ein Interesse für Fannys Musik gezeigt
haben.
An der Qualität ihrer Werke, die mehr als 400 Lieder, Klavier-
und Orgelwerke, Kammermusik, A-Capella-Chöre, Orchester-
werke, Kantaten und ein Oratorium umfassen, kann es also
nicht liegen. Fannys Ausschluß aus dem öffentlichen Musikle-
ben ist heute wie damals in soziologischen Zusammenhängen
zu sehen. Zurücksetzung durch die patriachalische Gesell-
schaft, Zurücksetzung durch den Vater und durch den Bruder.
Leistung zählt nicht immer, wie man gerade bei Fanny Mendelssohn
sehen kann. 
Wo und wie begann es, daß diese Geschwister, die
sich an musikalischer Begabung in nichts nachstanden, in
ein solches Ungleichgewicht gerieten?

Hier antwortet als erster Vater Abraham, dem die Hingabe
seiner fünfzehnjährigen Tochter an die Musik bedrohlich zu
werden schien. Am 16.7.1820 hatte er seiner Tochter un-
mißverständlich ihre Grenzen aufgezeigt:
"Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für Dich
stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns
werden kann und soll; ihm ist daher Ehrgeiz, Begierde, sich
geltend zu machen in einer Angelegenheit, die ihm sehr wich-
tig vorkommt, weil er sich dazu berufen fühlt, eher nachzuse-
hen, während es Dich nicht weniger ehrt, daß Du von jeher
Deine Freude an dem Beifall, den er sich erworben, bewie-
sen hast...... Beharre in dieser Gesinnung und diesem Betra-
gen, sie sind weiblich, und nur das Weibliche zieret die Frauen."

Fanny wurde am 14. November 1805 in Hamburg geboren.
Ihren ersten Klavierunterricht erhielt sie von ihrer Mutter Lea,
die eine begabte Cembalistin war. 1816 unterrichtete die be-
rühmte Pianistin Marie Bigot die Geschwister, und anschlie-
ßend übernahm Ludwig Berger deren Klavierunterricht. Für
die Unterweisung in Theorie und Komposition engagierte Ab-
raham Mendelssohn den damaligen Leiter der Berliner Sing-
akademie, den Goethefreund K. Fr. Zelter. Fannys erste er-
haltene Komposition, ein Lied, ist auf den 11.12.1819 datiert.

Solange Musik im privaten Bereich stattfand, wurde bei den
Geschwistern kein Unterschied gemacht. Fanny ist die um
drei Jahre ältere und genießt ihre musikalische Überlegenheit
und ihre Mentorenrolle: 1822 schreibt sie:
"Ich habe sein Talent sich Schritt für Schritt entwickeln sehen
und selbst gewissermaßen zu seiner Ausbildung beigetragen.
Er hat keinen musikalischen Ratgeber als mich, auch sendet
er nie einen Gedanken auf's Papier, ohne mir ihn vorher zur Prüfung
vorgelegt zu haben." Sie bleibt lebenslang seine musikalische
Autorität, sein "musikalisches Gewissen".

Unterschiede werden erst dann gemacht, wenn Öffentlichkeit
und Ansehen ins Leben der Geschwister treten. Im Herbst
1821 reist der zwölfjährige Felix zu Goethe nach Weimar und
Fanny bleibt in Berlin und liest seine Briefe. Ein Jahr später
ist auch Fanny in Weimar dabei und spielt Goethe Werke von
J.S.Bach vor. Goethe schreibt ein Gedicht für sie, aber die
Gespräche zwischen Vater Abraham und Goethe drehen sich
hauptsächlich um Felix und seine Karriere. Diese Situation
ist Fanny längst vertraut, ihre Zurücknahme ist bereits ver-
innerlicht. Während Felix durch Europa reist und seine Werke
aufführt, heiratet Fanny den preußischen Hofmaler Wilhelm Hensel.
Zu Fannys großer Enttäuschung kann Felix an ihrer Hochzeit
nicht teilnehmen, da er in London einen Unfall erleidet. Auf das
versprochene Orgelwerk, seine "Hochzeitsmusik für Fanny"
wartet die Schwester vergebens und schreibt sich kurzerhand
am Vorabend der Trauung das Orgelpräludium selbst.
Die Entfernung zwischen den Geschwistern, die so leiden-
schaflich miteinander verbunden waren, wächst von Jahr zu
Jahr. Felix zeigt zwar immer wieder Interesse an ihren Kompo-
sitionen, eigentlich aber sieht er sie als "Frauenzimmer im Hin-
terhaus".
Als er 1830 in München mit der berühmten Pianistin Delphine
Schauroth zusammen musizierte, schildert er Fanny diesen
Abend in einem Brief:
".......Als ich sie nun gestern früh allein hörte und auch sehr
bewunderte, fiel mir plötzlich ein, daß wir im Hinterhaus ein
Frauenzimmer besäßen, das von der Musik doch eine gewisse
andere Idee im Kopf hätte, als viele Damen zusammengenommen....
Du weißt aber wahrhaftig, was sich der liebe Gott bei der Musik
gedacht hat, als er sie erfand. Kannst auch Klavier spielen, und wenn Du einen größeren Anbeter brauchst als mich, dann mußt Du
Dir ihn von Hensel malen lassen." -

Hensel zeichnet sie und ihren Anbeter oft und unterstützt vor
allem ihren Wunsch nach musikalischer Entfaltung und nach
Öffentlichkeit. 
Endlich, Ende der zwanziger Jahre  wendet sich das Blatt, und
aus dem "Hinterzimmer" wird ein "Gartensaal". Fanny über-
nimmt die sogenannten "Sonntagsmusiken". In diesem großen
Konzertsaal, den der Vater 1821 einrichtete, um Felix die Mög-
lichkeit zu geben, seine Werke in der Öffentlichkeit zu "erpro-
ben" und Auftrittserfahrung zu sammeln, tritt sie als Pianistin
und Dirigentin auf, gründet ihren eigenen Chor und engagiert
das Königsstädter Orchester für größere Aufführungen wie
Beethovens Violin-Konzert oder Opern von Mozart. Die Opern
"Orpheus" und "Iphigenie auf Tauris" von Chr. W. Gluck stellt
Fanny Hensel dem Berliner Publikum erstmalig vor. Auch ihre
eigenen Werke erklingen, und so läßt sie am 4.6.1834 ihre
Orchesterouverture in C-Dur "vom Stapel gehen".
Der "Gartensaal" wird ein kulturelles Zentrum in Berlin und
von den vielen prominenten Gästen, für die Fanny musizier-
te, seien nur wenige genannt: Clara und Robert Schumann,
Jenny Lind, Paganini, Liszt, Heinrich Heine, Ferdinand Hiller,
Gounod, Schleiermacher und Schlegel, die Gebrüder Humboldt,
Meyerbeer, die Varnhagen, Louis Spohr und Fréderic Chopin.
Nun musiziert sie öffentlich, - allerdings unter Ausschluß der
Öffentlichkeit.

Wenn Felix zu kurzen Aufenthalten nach Berlin kommt, gibt es
nur selten die vertraute musikalische und geschwisterliche Ge-
meinsamkeit, nach der sie sich sehnt. Felix ist sehr nervös,
leicht reizbar, stets Mittelpunkt der Familie und verliert Fanny
zunehmend aus den Augen. Sie schreibt ihm am 8. 4. 1835:
"Ich habe ohnedies eine so unvernünftige Furcht vor Dir, (und
außerdem vor keinem Menschen weiter, außer ein bißchen vor
Vater), daß ich ja eigentlich nie in Deiner Gegenwart ordentlich
spiele." 
Ein Jahr später klingt es ähnlich: "Ich weiß zwar nicht genau,
was Goethe mit dem dämonischen Einfluß meint, von dem er
zuletzt so viel spricht, doch soviel ist klar, daß wenn dergleich-
en existiert, Du es in Bezug auf mich ausübst. Ich glaube, wenn
Du mir im Ernst vorschlügst, ein guter Mathematiker zu werden,
so würde ich keine besondere Schwierigkeit dabei finden, eben-
so wie ich morgen keine Musik mehr würde machen können,
wenn Du meintest, ich könne keine machen. Nimm Dich daher
mit mir in Acht." (30.7.1836)

Man muß keine Psychologin sein um zu erkennen, in welch
starkem Abhängigkeitsverhältnis Fanny inzwischen zu ihrem
Bruder stand, und dies ganz besonders dann, wenn es um
Musik ging. Sie konnte sich seinem Urteil nicht entziehen, sich
nicht über seine Ansichten hinwegsetzen, selbst dann nicht,
wenn es um ihr essenzielles Sein, ihre Musik, und nun auch
zunehmend um deren Herausgabe ging.
Mutter Lea hatte an Felix geschrieben und ihn gebeten, Fanny
zur Herausgabe ihrer Kompositionen zu ermuntern.
Am 24. 6. 1837 antwortet er der Mutter:
"Du schreibst mir über Fannys neue Stücke, und sagst mir,
ich solle ihr zureden sie herauszugeben. Zureden etwas zu
publiciren kann ich ihr nicht, weil es gegen meine Ansicht
und Überzeugung ist. Ich halte das Publiciren für etwas
Ernsthaftes und glaube man soll es nur tun, wenn man als
Autor sein Leben lang auftreten und dastehn will. Zu einer
Autorschaft hat Fanny wie ich sie kenne, weder Lust noch
Beruf, dazu ist sie zu sehr eine Frau wie es recht ist, erzieht
den Sebastian und sorgt für ihr Haus, und denkt weder ans
Publicum, noch an die musikalische Welt, noch sogar an die
Musik, außer wenn dieser erste Beruf erfüllt ist. Darum werde
ich ihr nicht zureden, verzeih es mir. Zeige diese Worte aber
weder Fanny noch Hensel, der sie mir übelnehmen und doch
mißverstehen würde - sage lieber gar nichts davon."

1836 bringt der Verleger Schlesinger in Berlin einen Liederband
heraus, in dem auch ein Lied von Fanny und Lieder von Felix
abgedruckt sind. Felix schreibt ihr am 24.1.1837:
" Weißt Du denn, daß Dein A-Dur Lied Furore hier macht? Daß
die neue musikalische Zeitung für Dich schwärmt? Daß alle sagen,
es sei das Beste im Album, was ein schlechtes Kompliment ist,
denn wo ist sonst was Gutes? Bist Du nun ein rechter Autor,
und macht Dir das Plaisir?"
Fanny antwortet sichtbar verärgert: "Meine Autorschaft, beste-
hend in einem Liede, hat mir gar keinen Spaß gemacht, lieber
Felix, im Gegenteil, war mir das Geschrei, das Schlesingers
von diesem, eigentlich doch ganz erbärmlichen Dinge von Al-
bum gemacht haben, sehr zuwider."

Das Jahr 1839 bringt Fanny die "glücklichste Zeit" ihres Lebens:
einen einjährigen Aufenthalt in Italien. In Rom begegnet sie
Charles Gounod, dem sie die Werke Bachs nahebringt, und der
sie als Pianistin und Komponistin glühend verehrt. Sie gibt un-
zählige Hauskonzerte, man drängt sie zu spielen, sie ist inspi-
riert und schreibt neue Klavier- und Chorwerke. Diese Anerken-
nung fordert sie, und läßt sie ihre Depressionen in Berlin ("Wie
einem zu Muth ist, der ein Lied schreiben will weiß ich gar nicht
mehr. Was ist übrigens daran gelegen? Kräht ja doch kein Hahn
danach und tanzt niemand nach meiner Pfeife") vergessen.

1846 entschließt sich Fanny endlich ihre Werke herauszugeben.
Ihr Opus 1-7  erscheinen bei den Bote & Bock und bei Schle-
singer. Felix reagiert am 12.8.1846 mit seinem "Handwerks-
segen": "Erst heute, komme ich Rabenbruder dazu Dir meinen
Handwerks-Segen zu Deinem Entschluß zu geben, Dich auch
unter unsere Zunft zu begeben! Hiermit erteile ich ihn Dir, und
mögest Du nur Autor-Plaisir und gar keine Autor-Misere kennen
lernen, und möge das Publicum Dich nur mit Rosen und niemals
mit Sand bewerfen und möge Dir Druckerschwärze Dir niemals
drückend und schwarz erscheinen - eigentlich glaube ich, an alle
dem ist gar kein Zweifel denkbar. Warum wünsche ich Dir's also
erst? Es ist nur so von Zunftwegen, und damit ich auch meinen
Segen dazu gegeben haben möge, wie hierdurch geschieht."

Der Segen kam nicht von Herzen, was Fanny zwei Tage später
in ihrem Tagebuch vermerkt. Vor allem aber: er kam zu spät.
Am 17. 5. 1847 erfuhr Felix in einem Frankfurter Hotel von
Fannys Tod (14.11.). Er brach mit einem Aufschrei zusammen
und war so geschwächt, daß er nicht nach Berlin reisen konnte,
um seiner Schwester das letzte Geleit zu geben. Felix war inner-
lich gebrochen, sagte seine Konzerte ab, lebte völlig zurückgezogen.
Er verhandelt mit Breitkopf & Härtel über den Druck von Fannys
Werken. Aber auch hier ist es zu spät: als er im Oktober 1847 in
Berlin Fannys verwaistes Musikzimmer betritt, bricht er erneut
zusammen. Er stirbt am 4. November 1847 in Leipzig.
Die Geschwister sind nebeneinander auf dem Dreifaltigkeits-
kirchhof in Berlin begraben.

Elke Mascha Blankenburg